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Andacht (August 2019)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Schwestern und Brüder,

ich möchte von einem Bordbesuch berichten, der sich letzte Woche im Rahmen meines Bordbesuchsdienstes ereignete. Wie immer habe ich mich beim Watchman angemeldet und im Logbuch eingetragen und wurde zur Crew-Messe geleitet, die ich nun nach 9 Monaten Tätigkeit in der Seemannsmission meistens auch schon immer selber finde im Labyrinth der Gänge und Stahltüren an Bord. Die Besatzung bestand komplett aus Indern. Große Fröhlichkeit kam mir von überall her entgegen. Mehr noch, als es sonst üblich ist. Und schnell wurde mir berichtet, dass ich an Bord eines Versuchsschiffes sei, dass die Reederei federführend vielleicht demnächst für alle Schiffe und Besatzungen ihrer Linie einführen möchte. Alle hatten nur noch 5-Monats-Arbeits-Kontrakte statt der üblichen 9 Monate. So dass viele schon die Hälfte ihres Dienstes hinter sich hatten, andere sahen schon sehr bald ihre Familien wieder. Und in der Tat, fühlt man sich ein wenig ein, so sind neun Monate unendlich lang, weg zu sein von allen Vertrauten und Freunden und Verwandten. Wir halten es manchmal 10 Tage ohne einander nicht aus. So machte es mir sehr schnell Sinn, welch' eine qualitative Veränderung es sein muss, an Bord zu gehen mit einem neuen Vertrag und das Dienstende ist schon abzusehen. Nicht, dass an Bord alles schrecklich und schlimm ist, oftmals komme ich in toll funktionierenden heiter gestimmten Teams hinein, aber die Bezugsgruppe ist und bleibt die Familie in der Heimat. Ich kann mir vorstellen, die Kolleginnen und Kollegen von der Militärseelsorge können ähnliches berichten, wenn in der Betreuung der Soldatinnen und Soldaten sich nach drei oder vier Monaten ein großes Heimweh einstellt. Was ist, wenn mir an Bord oder auch hier im Hotel oder im Welcome-Club Seeleute begegnen, die mir von ihrer Sehnsucht nach zu Hause berichten.

Gibt die Tageslosung für heute aus Habakuk eine Antwort?

  • Der Herr ist in seinem heiligen Tempel. Es sei stille vor ihm alle Welt!

An Bord haben wir es mit Menschen aus aller Welt und mit Religionen aller Couleur zu tun, vornehmlich mit Hindus, Buddhisten, Moslems, Christen.

Die Zuflucht zu Gott, ein möglicher Sehnsuchtsort? Kann das als handhabbare Antwort taugen? Einige Seemannsclubs haben ihre anfangs christliche Kapellen in einem Raum der Stille und der Religionen umgewidmet mit Altären aller vertretenen Weltreligionen.

Mit der Frage, wie man in einem Gemeinwesen (über)leben kann, in dem das Recht zu Unrecht entstellt wird, rang der Prophet Habakuk. Eine nicht unbedingt leichte Lektüre. Angesichts des gesetzlosen Willkürregimes von Jojakim flehte er zu Gott, um von ihm zu erfahren, warum er, der heilige Gott, zu den Rechtswidrigkeiten schweige (Hab. 1,2-4).

Die Seemannsmissionen weltweit zusammen mit dem ITF setzen sich für faire Transportbedingungen ein, fair übers Meer war Thema des großen Seefahrergottesdienstes auf dem zurückliegenden Kirchentag in Dortmund. Fairtransport soll ein ähnlich wirkmächtiges Warenzeichen werden wie in den Anbaustaaten das FairTrade. Das gilt auch für die boomende Kreuzschifffahrtindustrie. Werden die Passagiere fair befördert durch gute, menschenwürdige Arbeitsbedingungen für die Crew? Bald kommt hierher ein Filmteam von ButenunBinnen, um genau dieser Frage nachzugehen, wie es ist an Bord als Reinigungskraft oder Barmann?

Heute liegt die Mein Schiff 3 und die Albatros am ColumbusCruiseTerminal, in wenigen Minuten füllt sich unser Haus wieder mit vielen Seeleuten, die wir ehrenamtlich hierher fahren, um Abwechslung und Erleichterung anzubieten.

Weil Habakuk schlimmes für sein Volk Israel erwartet, nun noch viel zerstörischer durch die Babylonier, wandelt Habakuks Klage sich zur Anklage gegen Gott: Bleibt angesichts solcher Aussichten der heilige Gott überhaupt noch glaubwürdig? Wo bleibt seine Heiligkeit? Immerhin verrennt sich der Prophet nicht in eigene Grübeleien, sondern er beschließt, auf Gott zu warten bis er ihm Antwort gibt.

Die Andachtsräume, die Kapellen, die multireligiösen Besinnungsräume laden ein zu Gespräch und Stille mit Gott.

Weil Gott heilig ist, kann nach Habakuk dieses Stillewerden vor Gott letztlich einen tieferen Sinn ergeben. Diese Stille, die hier Habakuk fordert und anbietet zugleich, darf somit eine Stille des Nachdenkens über uns, eine Stille der Einkehr und vielleicht sogar, will's Gott, eine Stille der Umkehr werden. So Gott schenkt uns Klarheit über uns selber. Ich finde das ist nicht wenig. Darum: "Es sei vor ihm still alle Welt."

Amen.

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